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Digitale Barrierefreiheit - warum Unternehmen jetzt handeln müssen

#Nr. 01 - Transkript

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[0:02] Myrna Gönnemann: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Podcast-Episode von TYPO3. In diesem Podcast sprechen wir aus dem TYPO3-Team mit spannenden Gästen aus der Community, aus Agenturen, Partnerunternehmen und Projekten über Themen, die uns als Open-Source-System und als Community bewegen.

[0:18] Myrna Gönnemann: Ich bin Myrna Gönnemann und arbeite im Bereich Success beziehungsweise Partnermanagement bei der TYPO3 GmbH. Außerdem bin ich Co-Teamlead des TYPO3 Marketing Teams.

[0:27] Myrna Gönnemann: Für diese Folge habe ich André Richter eingeladen. Er ist Director Digital Experience bei unserer Partneragentur queonext und ebenfalls Teil des TYPO3 Marketing Teams.

[0:36] Myrna Gönnemann: André beschäftigt sich intensiv damit, digitale Erlebnisse zu gestalten, die zugänglich, intuitiv und benutzerfreundlich für alle Menschen sind. Mit seinem Fokus auf digitale Barrierefreiheit, Customer Experience und der strategischen Integration von Content-Management-Systemen hilft er Unternehmen dabei, digitale Lösungen zu schaffen, die inklusiv und nachhaltig wirken.

[0:55] Myrna Gönnemann: Genau deshalb ist er heute der perfekte Gesprächspartner für diese Episode. Denn in dieser Folge geht es um ein Thema, das aktuell sehr präsent ist und es vermutlich auch in den nächsten Jahren bleiben wird: digitale Barrierefreiheit.

[1:09] Myrna Gönnemann: Wir sprechen darüber, wie präsent digitale Barrierefreiheit in der Agenturpraxis ist und wie stark sie von Kundinnen und Kunden aktiv nachgefragt wird. André teilt seine Einschätzung dazu, ob Gesetze wie das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz das Thema stärker ins Bewusstsein der Unternehmen rücken und ob Barrierefreiheit in Zukunft ähnlich wie SEO oder Datenschutz selbstverständlich in Design und Entwicklung mitgedacht wird.

[1:32] Myrna Gönnemann: Außerdem geht es um Missverständnisse rund um digitale Barrierefreiheit, darum, wie Agenturen reagieren, wenn Kundinnen und Kunden schnelle Ergebnisse wollen, das Thema aber nicht priorisieren, ob gesetzliche Regelungen ausreichen, echten Wandel zu erzeugen, welche Rolle automatisiertes Testing hat – und natürlich darum, wie TYPO3 selbst als System in Sachen Barrierefreiheit wahrgenommen wird. Viel Spaß mit dieser Folge über digitale Barrierefreiheit.

[1:59] Myrna Gönnemann: André, wie präsent ist das Thema aktuell bei euch in der Agenturpraxis? Wird das wirklich aktiv bei Endkunden nachgefragt oder bleibt Barrierefreiheit noch ein Randaspekt in Projekten?

[2:12] André Richter: Hallo Myrna. Schön, dass ich heute hier sein darf. Du hast das sehr schön eingeleitet – und die Frage ist total berechtigt. Es gibt keine ganz klare Antwort. Bei uns ist es halb-halb.

[2:24] André Richter: Es gibt viele Auftraggeber, die vom Gesetzgeber dazu angehalten sind. Die kommen mit der klaren Vorgabe: Das und das muss barrierefrei sein. Andere machen sich darüber noch nicht so viele Gedanken oder sind unsicher und sagen: „Eine Website ist doch irgendwie barrierefrei – was soll da schon groß sein?“

[2:43] André Richter: Kurzum: Die Hälfte der Kunden versuchen wir aktiv stärker zu beraten und das ganzheitlicher zu denken. Die andere Hälfte kommt bereits mit klaren Vorgaben oder Vorstellungen – entweder vom Gesetzgeber oder von Prüf- und Zertifizierungsstellen. Es hält sich die Waage.

[3:02] Myrna Gönnemann: Hast du das Gefühl, es gibt bestimmte Branchen, in denen das Thema besonders stark aufkommt?

[3:08] André Richter: Bei uns auf jeden Fall. Wir arbeiten bei queonext mit kassenärztlichen Vereinigungen oder insgesamt Körperschaften des öffentlichen Rechts. Dort gibt es angegliederte Prüfstellen, die darauf hinweisen – da ist es besonders präsent.

[3:21] André Richter: In der regulären Wirtschaft, die eigentlich stark davon profitiert, wenn ein Webangebot barrierefrei ist, wird die Notwendigkeit oft nicht so groß gesehen – oder sie wird gerne etwas gedehnt, sodass es nicht so präsent ist.

[3:44] Myrna Gönnemann: Habt ihr das Gefühl, dass durch das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz das Thema deutlich präsenter ist in den Köpfen der Kunden?

[3:50] André Richter: Ja, auf alle Fälle. Da hat der Gesetzgeber sein Übriges getan – das haben wir extrem stark wahrgenommen. Wir haben auch selbst versucht, uns als Agentur zu positionieren und unsere Kunden stärker in diese Richtung zu beraten.

[4:03] André Richter: Faktisch war das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz keine riesige Neuerung. Mit der BITV gab es schon Regelungen und Rahmenbedingungen, die für öffentliche Auftraggeber seit jeher gelten – technische Aspekte, aber auch Kontrast- und Inhaltsaspekte.

[4:19] André Richter: Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz hat diese Regelungen auf andere Angebote ausgeweitet. Für viele unserer Kunden war das daher kein extremer Augenöffner, weil sie vieles schon kannten. Aber es war ein Katalysator – eine Unterstützung, um das Thema nochmal vorzuholen.

[4:40] André Richter: Denn das ist kein klassisches „Liebhaber-Thema“. Marketingabteilungen versenken sich da selten freiwillig drin und sagen: „Cool, das machen wir jetzt barrierefrei.“ Es ist erklärungsbedürftig und man muss vermitteln: Es ist nicht nur Pflicht oder „Nice to have“, sondern bietet echten Mehrwert.

[5:08] André Richter: Man kann dadurch neue Kundengruppen erschließen – und es sollte als Selbstverständlichkeit nach außen getragen werden, nicht als etwas, womit man sich schmückt.

[5:25] Myrna Gönnemann: Hast du das Gefühl, es gibt zum Thema Barrierefreiheit viele Missverständnisse?

[5:29] André Richter: Auf jeden Fall. Oft wird es auf einzelne technische Dinge reduziert: „Unsere Kontraste sind in Ordnung“ und so weiter. Es sind immer nur Auszüge.

[5:42] André Richter: Wenn man Barrierefreiheit eher als Inklusion versteht, steckt viel mehr drin: nicht nur Technik, sondern auch semantische und inhaltliche Komponenten – leichte Sprache, Nachvollziehbarkeit, Orientierung im Webangebot, eine schlüssige Navigation.

[6:04] André Richter: Und es betrifft nicht nur Menschen mit dauerhafter Einschränkung. Viele sind situativ eingeschränkt. Ich als Brillenträger: Wenn ich die Brille abnehme und mobil eine Website bedienen will, ist es hilfreich, wenn Schaltflächen größer und besser unterscheidbar sind.

[6:26] André Richter: Man muss sich bewusst machen: Es betrifft nicht nur eine kleine Gruppe, sondern sehr viele – auch Menschen, die „teilzeit“ eingeschränkt sind oder gerade in einer Situation nicht mit allen Fähigkeiten zugreifen können.

[6:51] Myrna Gönnemann: Das ist ein extrem wichtiger Punkt. Barrierefreiheit ist nicht nur gesetzliche Pflicht oder Qualitätsmerkmal, sondern eine Inklusionsmaßnahme – auch für unser gesellschaftliches Zusammenleben, eben auch im Digitalen.

[7:10] André Richter: Genau. Es ist nicht nur Technik. In der Agentur muss es über alle Gewerke hinweg mitgedacht werden. Das ist nichts, was man nachträglich „dranplanscht“ oder per Knopfdruck ergänzt. Es muss von Anfang an berücksichtigt werden.

[7:33] André Richter: Und am Ende hilft es allen – auch Unternehmen selbst. Früher hatten wir als Türöffner oft das Argument: Google profitiert sehr von Barrierefreiheit, weil Inhalte dann semantisch gut gegliedert, strukturiert und technisch zugreifbar sind. Das hilft Menschen genauso wie Suchmaschinen.

[8:17] Myrna Gönnemann: Wie geht ihr konkret damit um, wenn Kunden nur schnell eine Website wollen und Barrierefreiheit nicht priorisieren?

[8:29] André Richter: Bei den Gestaltenden und in der Frontend-Entwicklung ist Barrierefreiheit seit jeher ein Thema, das man nicht extra dazubuchen muss. Wir berücksichtigen das von Anfang an im Gestaltungs- und Entwicklungsprozess.

[8:43] André Richter: Stärker müssen wir Projektmanager und Kundenseite dafür sensibilisieren, dass Barrierefreiheit nicht nur technische Aspekte hat, sondern auch inhaltliche. Bei Inhaltsmigration oder Neuerstellung machen wir klar: Inhalte strukturieren, gut gliedern, leicht wahrnehmbar und im weitesten Sinne verständlich machen.

[9:11] André Richter: In der Agentur ist es so, dass wir – deutlich vor der BITV – gesagt haben: Wir versuchen, Frontends so barrierearm wie möglich, also barrierefrei, zu entwickeln. ARIA-Labels, SVGs, Alt-Texte und so weiter berücksichtigen wir so, dass ein technisches Audit bestanden würde.

[9:37] André Richter: Auch in der Gestaltung achten wir auf aktuelle Rahmenbedingungen, gerade Kontrastverhältnisse. Das wird teils abhängig von Schriftgrößen etc. – aber das sind Dinge, die wir grundsätzlich berücksichtigen.

[9:55] André Richter: Und stärker müssen wir Kunden dazu bringen, Barrierefreiheit nicht auf „Technik“ abzuwälzen und zu sagen: „Alles automatisiert geprüft – super“, sondern auch den Inhalt ernst zu nehmen.

[10:15] Myrna Gönnemann: Absolut. Wenn wir über Barrierefreiheit sprechen, reden wir oft über Gestaltung und Technik. Aber es fängt bei redaktionellen Inhalten an – und da liegen viele Stolpersteine.

[10:30] Myrna Gönnemann: Aus Agenturperspektive endet da oft die Dienstleistung, und dann liegt es beim Kunden. Fachlich ist das auch richtig – aber es ist Aufgabe der Agentur, zu beraten: Drucksachen eins zu eins ins Internet zu übertragen reicht nicht. Inhalte brauchen Struktur, Gliederung und die Werkzeuge aus dem CMS – Überschriftenhierarchien, Verschlagwortung, Alt-Texte bei Bildern und so weiter – müssen genutzt werden.

[11:17] Myrna Gönnemann: Nur weil ein Frontend grundsätzlich barrierefrei umgesetzt ist, heißt das nicht, dass die Seite nach der Befüllung automatisch barrierefrei bleibt.

[11:31] Myrna Gönnemann: Habt ihr Tools, die ihr nutzt für Barrierefreiheit?

[11:36] André Richter: Im Rahmen des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes haben wir viele Kunden nochmal darauf aufmerksam gemacht, dass Barrierefreiheit nicht nur für neue Zielgruppen wichtig ist, sondern auch für bestehende Angebote.

[11:53] André Richter: Wir haben Audit-Verfahren teilautomatisiert entwickelt – zum Beispiel mit dem WAVE-Tool, aber auch mit Google PageSpeed und verschiedenen Audit-Mechanismen. Damit prüft man zunächst nur die technischen Aspekte.

[12:13] André Richter: Zusätzlich sorgen wir dafür, dass wir bei wesentlichen Projekten und größeren Kunden über einen BITV-Selbsttest Seiten auditieren – nicht als Siegel, aber als entwicklungsbegleitenden Prozess.

[12:32] Myrna Gönnemann: Hast du das Gefühl, aus Agentursicht müsste noch mehr getan werden?

[12:40] André Richter: „Mehr“ ist vielleicht gar nicht nötig. Es muss zielgerichteter passieren und stärker in Anbahnung, Planung und Aufbereitung – also als User Stories und in Prozessen – überall verankert werden.

[13:04] André Richter: Momentan ist es oft so ein Stufenmodell: „Ich mache Frontend, Backend, dann einen Knopf – und dann ist es barrierefrei.“ Das muss in allen Gewerken im Kopf verankert werden, beginnend bei der Projektanbahnung und bei Anforderungen.

[13:18] André Richter: Wenn ein Kunde sagt: Videobibliotheken, Self-Service, viele Formulare – dann sollte direkt klar sein: Videos und Formulare sind besondere Baustellen, die hohe technische Expertise brauchen, um sie barrierefrei zu gestalten.

[13:43] André Richter: Je barrierefreier man von Beginn an konzipiert, desto leichter lässt sich später weiterentwickeln. Es ist technisch robuster, vorhersagbarer – und am Ende wirtschaftlich sinnvoll.

[14:29] Myrna Gönnemann: Warum tun sich so viele Unternehmen noch schwer mit digitaler Barrierefreiheit?

[14:37] André Richter: Vor allem, weil man nicht einfach eine Person einstellen kann, die am Ende draufschaut, 34 Maßnahmen vorschlägt – und dann ist alles barrierefrei. Es ist ein Weiterbildungsthema für alle Fachbereiche und Gewerke.

[14:56] André Richter: Selbst wenn es im Unternehmen eine Barrierefreiheits-Expertin oder einen Experten gibt, müsste diese Person Durchgriff auf alle Bereiche haben und sagen können: „Achtung, Website ist nicht barrierefrei – wir müssen hier und dort ran.“ Das scheuen viele, weil es auch eine Kulturfrage ist.

[15:23] André Richter: Solange das nicht in der Geschäftsführung verankert ist, gibt es immer wieder Streit – auch weil es anfangs nach Mehrkosten aussieht. Ich glaube aber: Wenn man es von Anfang an berücksichtigt und über Wartung, Support und Upgrades betrachtet, amortisiert sich das schnell und ist nicht teurer als eine nicht barrierefreie Website.

[16:05] Myrna Gönnemann: Ich finde, Barrierefreiheit geht weit über Pflicht hinaus und hat auch mit Haltung und Corporate Responsibility zu tun. Glaubst du, dass Dinge wie das BFSG ausreichen, echten Wandel zu erzeugen?

[16:28] Myrna Gönnemann: Es macht sichtbar und sensibilisiert – aber reicht das?

[16:38] André Richter: Nein, aus meiner Sicht nicht. Die Frage ist: Wie stark kann der Gesetzgeber das verpflichtend machen? Gesetze sind oft nur so wirksam, wie sie kontrolliert werden.

[16:58] André Richter: Beispiele wie die DSGVO zeigen: Wenn nicht genug kontrolliert wird, entsteht eine Lücke, in die dann Abmahnkanzleien gehen. Am Ende sind viele genervt, der Zweck wird verfehlt, und ein paar profitieren davon. Das sollte bei Barrierefreiheit nicht passieren.

[17:52] Myrna Gönnemann: Meiner Meinung nach kann man Barrierefreiheit nicht komplett automatisiert testen, aber Teilbereiche schon. Habt ihr da Erfahrung?

[18:03] André Richter: Im Rahmen des BFSG haben wir ein Audit mit KI-Unterstützung entwickelt – eine Art früher Agent, der anhand einiger Beispielseiten eine Domain prüft, automatisierbare Schritte testet und Handlungsempfehlungen ausgibt.

[18:25] André Richter: Aber: Barrierefreiheit komplett nur technisch zu testen, ist aktuell nicht möglich – und wird es vermutlich noch eine Weile nicht sein. Es braucht immer eine menschliche Komponente.

[18:41] André Richter: Wir haben auch geschaut, was mit Partnerunternehmen oder Auditierungsstellen möglich ist. Aktuell sind diese Stellen sehr ausgelastet, und viele nehmen keine neuen Firmen auf. Deshalb versuchen wir, automatisierte Tests mit manuellen Tests zu ergänzen – nach dem Prinzip BITV-Selbsttest.

[19:28] Myrna Gönnemann: Das klingt so, als gäbe es nicht „zack – barrierefrei“ zum Launch. Barrierefreiheit ist eher ein kontinuierlicher Prozess, oder?

[19:46] André Richter: Genau. Man kann sagen: Zum Launch war es barrierefrei. Aber sobald Inhalte verändert werden, ist das Risiko da, dass etwas kippt – ein Alt-Text fehlt, eine Verlinkung ist ungünstig, und schon wäre es bei einem Audit nicht mehr barrierefrei.

[20:13] André Richter: Barrierefreiheit ist fast ein Ausschlusskriterium: Man muss alle oder überwiegend alle Prüfschritte erfüllen. Sobald etwas nicht erfüllt ist, ist die Website formal nicht barrierefrei – oder man muss es in der Erklärung zur Barrierefreiheit benennen.

[20:40] André Richter: Deshalb: Es ist ein Prozess. Man testet zum Start technische Komponenten, Frontend-Elemente, Backend-Implementierung – und dann prüft man fortlaufend neue Inhalte oder neue Komponenten.

[21:18] Myrna Gönnemann: Nehmt ihr Barrierefreiheit in Angebotserstellung und Pitches mit auf?

[21:28] André Richter: Jein – ja. Barrierefreiheit ist nicht auf Anhieb ein „sexy“ Thema. Wir versuchen, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden und zu zeigen: Man erfüllt nicht nur gesetzliche Anforderungen, sondern profitiert auch durch geringere Komplexität, bessere Wartbarkeit, bessere Auffindbarkeit in Suchmaschinen – und perspektivisch vielleicht auch durch Inhalte, die für Large Language Models besser aufbereitet sind.

[22:23] André Richter: In vielen Fällen ist es ohnehin Pflichtanforderung. Dann muss man eher erklären: Barrierefreiheit kann nicht zu 100 Prozent nur vom Auftragnehmer garantiert werden. Es ist ein Zustand, den man nur gemeinsam erreichen kann.

[22:54] Myrna Gönnemann: Was würdest du dir von Kunden und Auftraggebern wünschen?

[22:59] André Richter: In erster Linie: mehr Verbindlichkeit. Barrierefreiheit nur dem Auftragnehmer aufzuhalsen, greift zu kurz – und zeigt oft, dass Unternehmen selbst nicht wissen, was alles dazugehört.

[23:20] André Richter: Mein Wunsch wäre, dass Agenturen und Auftraggeber mehr auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Dass der Kunde bereit ist, Empfehlungen anzunehmen – etwa Navigationsstrukturen stärker an Nutzerinnen und Nutzern auszurichten statt an internen Silos. Das hilft der Orientierung und ist für Barrierefreiheit wichtig.

[24:20] André Richter: Und natürlich heißt das im Zweifel auch: initial vielleicht etwas mehr investieren. Ich glaube aber, am Ende rechnet sich das.

[24:43] Myrna Gönnemann: Das heißt, die Agentur hat die Aufgabe, über Barrierefreiheit aufzuklären – weil sie in einer Beratungsrolle ist. Und da steckt auch eine Haltung drin, die für die Marke des Endkunden wichtig ist: Wie glaubwürdig ist man, wenn man Inklusion predigt, aber digitale Hürden hat?

[25:18] André Richter: Absolut. Es ist trotzdem schwierig zu „verkaufen“, weil es Leistungen sind, die erbracht werden müssen. Dafür braucht es Dringlichkeit – und die entsteht durch Aufklärung.

[25:43] André Richter: Früher waren Barrierefreiheit und Datenschutz oft die Gegenspieler von „Bequemlichkeit“: Entweder ist eine Website bequem und easy – oder barrierefrei und datenschutzkonform. Das schließt sich heute nicht mehr aus.

[26:11] André Richter: Viele haben noch das alte Bild: Barrierefrei heißt 30-Punkt-Schrift, schwarz auf weiß. Aber es gibt längst barrierefreie Websites, die gut aussehen und sich sehr gut nutzen lassen.

[26:30] André Richter: Als Agentur muss man alte Muster aufbrechen und zeigen: Technisch ist vieles inzwischen gut umsetzbar. Wichtiger sind oft die inhaltlichen Themen – zum Beispiel Redakteure dazu bringen, saubere Alt-Texte zu setzen. Da muss man führen und leiten.

[26:59] Myrna Gönnemann: Gerade im Bereich Design und UX/UI gibt es viele Vorurteile: Wie sehr schränkt Barrierefreiheit Kreativität ein? Muss Farbe, Gestaltung, Bewegung, Animation reduziert werden? Muss Webdesign komplett anders gedacht werden?

[27:25] André Richter: Ich glaube, es wird anders, aber nicht komplett anders. Viele Oberflächen werden stärker vom Medium und den Einstellungen des Nutzers geprägt.

[27:46] André Richter: Früher hat man vieles über CSS gelöst. Heute können Browser Mikrointeraktionen und Animationen steuern – abhängig davon, ob Nutzer das erlaubt haben. Wenn jemand Bewegungen unterbindet, weil es triggert oder nervt, dann lässt der Browser das weg.

[28:40] André Richter: Als Webseitenbetreiber kann man Anweisungen geben, dass die Website auf solche Einstellungen reagiert. Ein beliebtes Beispiel ist Dark Mode: Man hinterlegt eine helle und eine dunkle Variante – und am Ende bestimmt die Einstellung des Nutzers, was ausgeliefert wird.

[29:42] André Richter: Webdesign ist dann weniger eine starre Vorgabe, sondern eher ein System aus Komponenten – ein Designsystem. So arbeiten bei uns auch viele Designer und Frontend-Entwickler.

[29:58] Myrna Gönnemann: Glaubst du, Accessibility wird ein genauso selbstverständlicher Punkt wie SEO oder DSGVO – in Entwicklung und Design?

[30:23] André Richter: Das wäre ein guter Schritt. Ich glaube, es findet Stück für Stück stärker statt – bei Gestaltenden und Frontend-Entwicklern. Viele merken: In CSS-Frameworks oder Entwicklungsumgebungen ist das oft gar kein Mehraufwand, also wird es von Haus aus mitgedacht.

[30:46] André Richter: Früher war die Frage: „Soll die Website barrierefrei sein – ja oder nein?“ Heute fragen wir eher nach dem Level: Reicht A, muss AA sein oder sogar AAA?

[31:03] André Richter: Kontraste und Co. testen viele von Haus aus. Diffizil wird es bei bestimmten Komponenten – zum Beispiel Formularen oder Videos. Da kümmern wir uns dann spezifisch, weil es aufwendiger ist.

[31:35] Myrna Gönnemann: Wie nehmt ihr aus Agentursicht TYPO3 in Bezug auf Barrierefreiheit wahr? Unterstützt euch das System, oder gibt es Dinge, die ihr euch wünscht?

[31:47] André Richter: Ein wesentlicher Teil von Barrierefreiheit ist erstmal der technische Aspekt. Man kann mit TYPO3 sowohl barrierefreie als auch nicht barrierefreie Websites erstellen – beides ist möglich. Insofern ist das kein grundsätzliches Pro oder Contra.

[32:07] André Richter: Was TYPO3 gut macht, ist das Bemühen um Accessibility: der Code Sprint, die Bemühungen, das Backend barrierefrei zu machen, die Auseinandersetzung in der Community, Slack-Channels und Initiativen – und aktuell auch Teams und Lösungen, die barrierefreie Websites ermöglichen.

[32:35] André Richter: Das zeigt, dass Barrierefreiheit in der Association und in der Community auf der Agenda steht. Das ist auch ein gutes Argument: Wenn man einem technologieoffenen Kunden ein CMS empfiehlt, das Barrierefreiheit hoch hält, ist das ein starkes Verkaufsargument.

[33:03] Myrna Gönnemann: Danke dir, André, dass du heute zu Gast warst. Es war super schön, mit dir zu sprechen. Digitale Barrierefreiheit ist auf jeden Fall einiges mehr – Technik allein reicht nicht. Am Ende braucht es Konzepte, Content, Design und Strategie. Es muss mitgedacht werden – und vor allem den Willen, die Fahne hochzuhalten und darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig Inklusion ist, auch im digitalen Raum.

[33:25] Myrna Gönnemann: Wenn ihr Fragen habt, meldet euch gerne. Die Kontaktinfos findet ihr in der Folgenbeschreibung. Danke dir, André, nochmal, dass du da warst.

[33:32] André Richter: Danke, Myrna, für die Gastfreundschaft.

[33:34] Myrna Gönnemann: Ja, gerne. Danke für die Einblicke. Und danke euch fürs Zuhören. Bis zum nächsten Mal. Tschüss.