Myrna Gönnemann (00:00)
Hallo Flo, schön, dass du da bist.
Florian Froidevaux (00:02)
Danke für die Einladung.
Myrna Gönnemann (00:04)
Ich würde gerne von dir wissen, warum Open Source in 2026 immer noch relevant ist.
Florian Froidevaux (00:10)
Es ist nicht nur immer noch relevant, es wird immer relevanter. Allein durch die ganzen Entwicklungen, die wir weltweit momentan mitkriegen, ist die Unabhängigkeit von verschiedenen Anbietern einfach entscheidend. Und genau das sehen wir gerade bei Behörden, Hochschulen, überall sonst. Wenn du auf proprietäre Software setzt, dann bist du abhängig. Und zwar von Lizenzverträgen, die dir sagen, wie viel du zahlen musst. Und wenn der Anbieter seine Preise erhöht, dann musst du mitziehen. Wenn du Software einsetzt, die unternehmensweit in großen Konzernen im Einsatz ist, dann kannst du die auch nicht einfach wechseln.
Myrna Gönnemann (00:49)
Ja, und ich finde, das hängt auch immer ein bisschen daran: Viele wissen gar nicht, was alles Open Source ist und was Open Source überhaupt bedeutet. Würdest du das gerne einmal für uns erklären?
Florian Froidevaux (01:03)
Im Endeffekt hat das Mikrofon, in das wir hier reinsprechen, sicherlich irgendwelche Open-Source-Komponenten da drin. Jedes Handy, jede Smartwatch, wie gesagt jedes Mikrofon, jede kleinste Elektronik, selbst der Mars Rover. Also wir werden ohne Open Source keinerlei elektronische Geräte verwenden können.
Myrna Gönnemann (01:23)
Deswegen ist es halt auch so wichtig, dass es halt ein gewisses Engagement gibt von Leuten, die sich halt Open Source widmen. Wie sieht das so aus in deiner Erfahrung? Wie sieht Contribution aus?
Florian Froidevaux (01:33)
Es gibt jegliche Art von Contribution. Was wir bei uns am meisten natürlich sehen oder kennen, ist Code-Contribution. Und ich vergleiche es immer ganz gerne mit Ehrenamt. Wenn du dir einen Fußballverein anschaust, dann hast du dort ehrenamtliche Helfer in jeglicher Couleur. Sei es der Platzwart, der Trainer, Vorstände. Das ist alles Contribution. Und im Softwarebereich wie bei uns haben wir unsere Vorstände, das Board. Wir sind beide im Marketing-Team, versuchen da irgendwie Material zu produzieren. Dokumentation ganz entscheidend, Core Team sowieso.
Myrna Gönnemann (02:07)
Eine gemeine Frage, aber eure Konkurrenz profitiert ja maßgeblich von dem, was ihr contributet. Am Core oder als Co-Team-Lead – das sind ja Dinge, die nutzt eure Konkurrenz dann. Wie macht ihr das? Wie rechtfertigt ihr das für euch?
Florian Froidevaux (02:21)
Naja, im Endeffekt ist es ja genauso andersrum. Das heißt, wir profitieren genauso jeden Tag von allem, was b13 macht und alle anderen, die sich hier engagieren. Insofern ist auch das ganze Verhältnis in dieser Community einfach ein anderes. Also wenn ich zurückdenke an meine E-Commerce-Zeit, wo du auf proprietäre Software und starkes Konkurrenzdenken zurückblickst,
dann macht das keinen Spaß. Wir profitieren alle voneinander und wir kooperieren. Das heißt, in den meisten Fällen baut einer zum Beispiel ein Produkt und die anderen Agenturen sagen: Okay, lass uns da eine Partnerschaft machen, und alle profitieren am Ende. Und insofern sehe ich da gar nicht so das Problem darin, dass die Konkurrenz von unseren Contributions profitieren würde.
Myrna Gönnemann (03:08)
Wie bist du zu Contribution gekommen? Hast du dich da persönlich für entschieden oder war das eine berufliche Vorgabe?
Florian Froidevaux (03:14)
Stefan ist ja unser Geschäftsführer und im Board sehr, sehr tief verwurzelt, und als ich bei in2code angefangen habe, kam ich ja wirklich aus einer ganz anderen Ecke und habe dann ... wie war das denn?
Er hat gesagt: Hier, Marketing-Team, Luisa, quatsch doch mal – weil ich irgendeine Idee hatte, was wir marketingtechnisch machen sollten. Ach ja, das war das Tracking. Stimmt. So kam ich dann dazu und habe angefangen, dem Marketing-Team mitzuhelfen, und habe immer mehr in der Richtung gemacht. Dann kamen die ersten Vorträge auf irgendwelchen Camps, und so ist das bei mir immer, immer mehr geworden, und jetzt bin ich irgendwie Co-Team-Lead. Das kam auch eher zufällig als geplant, aber ja.
Myrna Gönnemann (03:56)
Warum bist du immer noch dabei?
Florian Froidevaux (03:57)
Das lässt einen einfach nicht mehr los.
Myrna Gönnemann (03:59)
Schön gesagt: Es lässt einen nicht mehr los.
Florian Froidevaux (04:01)
Es ist wirklich so. Ehrenamtliche Arbeit habe ich auch davor schon gerne gemacht, im Sportverein. War ja auch in meinem Studium – da war ja quasi Vereinsmanagement ein Kernthema. Und ohne Ehrenamt würde nichts auf dieser Welt funktionieren. Bei uns in Deutschland sowieso. Wir haben ein sehr, sehr starkes Ehrenamt.
Du merkst einfach, wie viel du zurückkriegst. Ich meine, wir sind gerade auf den Dev Days und ich sitze hier mit Leuten zusammen, die hätte ich anders nicht kennengelernt. Die hätte ich anders nicht kennengelernt.
Myrna Gönnemann (04:33)
Nun habt ihr ja natürlich auch ein gewisses Glück, dass ihr in einem Unternehmen seid, in einer Agentur seid, die euch Contribution auch während der Arbeitszeit ermöglicht. Wie sieht das bei euch denn im Agenturalltag konkret aus? Also wann arbeitet ihr an einem Open-Source-Projekt und wann an einem Kundenprojekt, und wie teilt ihr euch das?
Florian Froidevaux (04:49)
Bei in2code ist es so getaktet, dass wir ganz normal ein Tracking-System haben, ein Ticket-System, und innerhalb dessen eben Projekte. TYPO3 Association Contribution ist ein eigenes Projekt, und darauf wird die Arbeitszeit gebucht, und damit können wir das auch eigentlich sehr gut nachvollziehen. In der Regel ist das auch mit jedem individuell abgesprochen.
Das ist der ganz klare Wunsch: Wer contributen möchte, darf das auch gerne machen. Wir müssen das natürlich in irgendeinem Verhältnis sehen. Das heißt, für die Zeit, die ich jetzt zum Beispiel für meine Marketingaktivitäten verwende, habe ich den Mittwochnachmittag, wo auch unser Teammeeting stattfindet und dergleichen. Und das nutze ich dann eigentlich auch so, dass ich am Mittwochnachmittag die meisten Sachen erledige, die ich für das TYPO3 Marketing Team mache.
Ich habe für mich festgestellt, dass ich 3, 4, manchmal ein bisschen weniger Stunden pro Woche dafür aufwende. Und wenn ich sage, okay, es ist gerade irgendwie viel, mehr, weil Events anstehen oder sonst irgendwas, dann ist es natürlich auch Freizeit. Und genauso machen das die anderen eigentlich auch. Andreas hat einen festen Tag für Contribution. Das heißt, als Core-Team-Member braucht er mehr Zeit. Ganz genau weiß ich es nicht, deswegen nagelt mich bitte nicht fest. Aber es hat jeder so seine Zeit,
die er darauf buchen kann, und die restliche Zeit ist Freizeit.
Myrna Gönnemann (06:07)
Forciert ihr das bei neuen Mitarbeitern beispielsweise, dass ihr die an Contribution mit ranführt, oder ist das eher ein intrinsischer Wunsch und dann wird das auch wahrgemacht?
Florian Froidevaux (06:17)
Wenn man bei in2code landet, merkt man sehr schnell, was hier für ein Geist herrscht. Man sieht es ja jetzt gerade auch, dass die Azubis eigentlich im ersten Lehrjahr fast sofort auf die Dev Days geschickt werden, wenn es irgendwie möglich ist. Dann lernt man hier die ersten Leute kennen, und in der Regel verfängt es dann auch sofort, weil einfach dieser Geist das ist, was uns ausmacht.
Myrna Gönnemann (06:40)
Oder wie du es gesagt hast: Man bleibt einfach kleben.
Florian Froidevaux (06:43)
Es gibt natürlich bei uns auch Mitarbeiter, die sich komplett fernhalten und einfach ihre Arbeit machen und nicht contributen. Wobei – nicht contributen: Das sind halt eher unsichtbare Contributions, was da passiert. Aber zum Beispiel unsere Extensions und so weiter, die sind ja auch frei und öffentlich verfügbar, und die Leute arbeiten an den Extensions, upgraden sie, machen Bugfixes. Das ist im Endeffekt auch alles Contribution. Aber sie sind jetzt nicht aktiv in der Community, und das wird auch nicht forciert und von niemandem erwartet oder verlangt.
Myrna Gönnemann (07:14)
Aber bewerben sich Leute gezielt bei euch, weil sie wissen, dass ihr das unterstützt?
Florian Froidevaux (07:18)
Ja, absolut. Also im Recruiting: Wenn ich nach links und rechts gucke, dann haben wir nicht diese Mühen, Mitarbeiter zu finden, die andere haben.
Myrna Gönnemann (07:27)
Würdest du sagen, das hat auch eine Auswirkung auf die langfristige Mitarbeiterbindung?
Florian Froidevaux (07:31)
Ja, es ist vielleicht nicht so leicht messbar, aber ich bin mir sicher, dass bei Mitarbeitern, die in die Community involviert sind wie ich selber, die Wahrscheinlichkeit sehr, sehr, sehr stark sinkt, das Unternehmen zu wechseln. Weil du wechselst nicht in ein anderes Unternehmen, weil du vielleicht ein paar Hundert Euro mehr verdienst, wenn du dafür weißt: Ich kann das, was ich liebe, wofür ich meine Freizeit sowieso opfere, dann vielleicht in der Arbeit nicht mehr machen, und ich kann mich mit den Kollegen nicht mehr über das Thema austauschen.
Ich bin mir sehr sicher, dass es einen Effekt auf die Mitarbeiterbindung hat.
Myrna Gönnemann (08:06)
Das heißt, es ist weniger der Benefit, der im Vordergrund steht, sondern die Bindung. Die Bindung halt an ein Projekt und an eine Leidenschaft, die man dann da hat. Genau. Das ist cool. Anders gefragt: Aber habt ihr keine Angst? Ihr habt viele Leute, die contributen, die sehr sichtbar sind, weil sie viel contributen und halt auch einfach seit Jahren schon contributen. Habt ihr da nicht von der Agenturseite aus Angst, dass die gegebenenfalls auch sichtbarer werden für den Wettbewerb und dann halt auch auf den ganzen Events mit Leuten in Kontakt kommen und dadurch gegebenenfalls abgeworben werden?
Florian Froidevaux (08:36)
Das Risiko gibt es immer. Wir wollen ja die Leute nicht unsichtbar machen. Das bringt überhaupt nichts. Wer sichtbar ist, ist ja in jeglicher Hinsicht sichtbarer, auch für potenzielle Kunden. Das heißt, auch da haben wir wieder einen Benefit. Und Unsichtbarkeit ist jetzt auch keine Sicherheit, dass jemand dann bei dir bleibt, wenn ich ihn verstecke. Wenn du sagst, du gehst nicht so oft auf das Event oder so und so, damit du bloß nicht abgeworben wirst – das merkt natürlich jeder Mitarbeiter sofort. Das, glaube ich, bringt gar nichts.
Myrna Gönnemann (09:09)
Wenn du jetzt mal die Hand aufs Herz legen musst: Wie sieht das betriebswirtschaftlich bei euch aus, mit Blick auf die Ressourcen? Weil du hattest ja gerade schon gesagt, ihr habt jetzt eigentlich prinzipiell feste Tage bei euch, manche, oder du hast einen festen Nachmittag, wo Zeit reinfließt.
Florian Froidevaux (09:25)
Was denkst du, wie viel Arbeitszeit im Verhältnis zu Marketing-Arbeitszeit insgesamt bei in2code? Genau, Verhältnis.
Myrna Gönnemann (09:33)
In Prozent? Ich würde jetzt mal sagen, damit es betriebswirtschaftlich sinnvoll ist: 10 Prozent?
Florian Froidevaux (09:40)
Von der Zeit, die ich auf Marketing verwende ... insgesamt in der Firma ... ist es zwei Stunden Marketing, eine Stunde Contribution.
Myrna Gönnemann (09:48)
Krass! Wow, wow! Das ist richtig viel!
Florian Froidevaux (09:50)
Ja.
Myrna Gönnemann (09:51)
Das, ja, das überrascht mich wirklich, weil das ist halt natürlich auch ein krasser betriebswirtschaftlicher Faktor, den man halt mit einberechnet.
Florian Froidevaux (10:00)
Ja, also man kann es jetzt natürlich nicht ganz genau beziffern, und alle Zahlen kann ich natürlich jetzt auch nicht verraten, aber wenn man die Contribution-Zeit irgendwie in potenzielle Umsatzzahlen umrechnet, dann ist es mehr als das Marketingbudget, weit mehr. Das
Myrna Gönnemann (10:17)
Ja, das.
Florian Froidevaux (10:18)
ist verrückt. Und das Marketingbudget ist zum größten Teil Contribution, weil es halt die Mitgliedschaft ist, weil es diese Event-Sponsorings sind. Also Sponsoring ist natürlich keine Contribution, wir kriegen ja Sichtbarkeit dafür zurück.
Aber es ist wie beim Sportsponsoring jetzt mal. Diese Banner-Werbung mag jetzt nicht unbedingt einen neuen Kunden bringen, aber das bringt uns die Sichtbarkeit. Also wie gesagt, wir müssen kein Recruiting betreiben, wir machen kein Advertisement, wir machen nur organische Sichtbarkeit, unsere Social Media und Events.
Myrna Gönnemann (10:47)
Mal abgesehen von der Sichtbarkeit zu potenziellen neuen Mitarbeitern: Wie sieht es aus mit der Sichtbarkeit bei Endkunden? Wie sehr beeinflusst das Contributen am Projekt selber, am Produkt selber, eure Stellung auch bei Endkunden? Oder beeinflusst das überhaupt die Stellung?
Florian Froidevaux (11:06)
Wenn bei uns ein Kontaktformular eingesendet wird, dann steht da drin: Wie hast du uns gefunden? Und dann steht in 20 bis 30 Prozent der Fälle: Man kennt euch halt.
Myrna Gönnemann (11:17)
Aber besser geht es eigentlich nicht. Das ist ein tolles Feedback.
Florian Froidevaux (11:20)
Genau, also das heißt, ja, ihr seid sowieso bekannt für alles, was wir tun, und du musst nicht mehr erklären, dass du der TYPO3-Experte bist. Das ist einfach durch die Sichtbarkeit schon klar. Wir müssen nicht mehr irgendwie erklären, unsere Qualifikation mit irgendwelchen Zertifikaten nachweisen. Die ihr auch habt. Zum einen haben wir, glaube ich, mehr Zertifikate als Mitarbeiter.
Aber darum geht es dann in dem Fall gar nicht mehr. Du diskutierst nicht mehr darüber, ob du das kannst.
Myrna Gönnemann (11:50)
Profitieren die Endkunden dann im Endeffekt auch davon, dass ihr contributet? Also abgesehen von eurer Position – wie vermarktet ihr das?
Florian Froidevaux (11:59)
Das kann man nicht direkt vermarkten. Ich denke, der Kunde profitiert davon: Wenn bei uns irgendwo ein Fehler im Core auftritt, dann fixen wir das selber. Dann gibt es einen Pull Request, und es geht den Merge-Weg, wie du es sicherlich kennst. Das heißt, du musst nicht darauf warten, dass die Community jetzt dieses Feature macht, sondern wir brauchen das für unseren Kunden, wir machen das, wir contributen das. Wenn ich eine Schulung über TYPO3 v14 halte, dann weiß ich, wovon ich spreche, weil ich das ganze Marketingmaterial dafür zusammen mit dir gemacht habe. Das ist genauso beim Stefan, wenn es darum geht: Wie schaut denn das TYPO3-Projekt aus? Dann kann der Stefan sagen: Ich kann dir ganz genau sagen, wie das TYPO3-Projekt ausschaut und wie es da läuft. Wenn es bei irgendeinem Stakeholder zum Thema wird, kann ich mich auf das Projekt verlassen. Das heißt, wir wissen einfach ganz genau, was los ist. Und davon profitiert der Kunde